Sue Edwards und Tewolde Berhan aus Äthiopien
LIFETIME ACHIEVEMENT AWARD 2017


Viele innovative und einflussreiche Projekte entstehen aus gemeinsamen Visionen und Werten. So war es auch bei Sue Edwards und Dr. Tewolde Berhan. Beide setzen sich bis heute für die Verbreitung der ökologischen Landwirtschaft und bessere Bildungschancen in Äthiopien ein. Damit konnten sie nachhaltig die Lebensbedingungen der Kleinbauern vor Ort verbessern. Mit dem Anpflanzen von mehr als 600.000 Bäumen und anderen Nutzpflanzen haben sie die Artenvielfalt in ausgetrockneten Gegenden wiederbelebt und so entscheidend zur Existenzsicherung der Kleinbauern beigetragen.

Dr. Tewolde Berhan wurde am 19. Februar 1940 als Sohn von Kleinbauern in der Nähe von Adwa, Tigray in Äthiopien, geboren. Er absolvierte sein Studium an der Addis Ababa University (AAU): Zwischen 1956 und 1969 arbeitete er an seiner Promotion im Fachbereich Pflanzenbiologie an der University von North Wales.

Seine spätere Frau Sue Edwards wurde am 14. Juni 1942 in Kent, England geboren. Sie studierte Botanik und spezialisierte sich auf Pflanzentaxonomie. Ihre Liebe zur Landwirschaft entdeckte sie auf dem kleinen, elterlichen Bauernhof. 1968 ging Sue nach Äthiopien, um im Fachbereich Biologie der dortigen Universität zu unterrichten. Dort traf sie Tewolde, der gerade aus Wales in sein Heimatland zurückgekehrt war.

Bedingungen für die Bauern signifikant verbessern

Ihre gemeinsame Leidenschaft für den Schutz der biologischen Artenvielfalt und ihr Einsatz zur Existenzsicherung von Kleinbauern hat langfristige Veränderungen bewirkt – von den Dörfern in der Tigray-Region in Äthiopien bis hin zu Verhandlungen auf Ebene der Vereinten Nationen. Sue und Tewolde arbeiteten eng zusammen, um das Wissen von Äthiopiens reicher natürlicher und landwirtschaftlicher Artenvielfalt in die universitären Lehrpläne zu integrieren. Gemeinsam publizierten sie acht wissenschaftliche Bände über die Flora von Äthiopien und Eritrea, die zwischen 1983 und 2009 veröffentlicht wurden.

Tigray ist die nördlichste der neun äthiopischen Regionen. Großflächige Entwaldung führte dazu, dass in der Regenzeit das Wasser sehr schnell flussabwärts floss und dabei fruchtbare Böden mit sich riss. So trocknete das Land rasch aus und die Bauern konnten keine Lebensmittel mehr anbauen. Nachdem sie bereits einen neuen Lehrplan für Agrarwissenschaften erarbeitet hatten, glaubten Sue und Tewolde fest daran, dass eine ökologische Ausrichtung der Landwirtschaft in Tigray die Bedingungen für die Bauern signifikant verbessern könne. Diese Idee entstand 1996 in ihrem Haus, wo sie – ausgerüstet mit einem Computer und einem Kopierer –auch ihr Institut für Nachhaltige Entwicklung (ISD) gründeten.

Die Anschubfinanzierung für das ISD kam vom „Third World Network“, dessen Direktor, Dr. Martin Khor, Tewolde 1992 auf dem Weltgipfel in Rio de Janeiro kennengelernt hatte. Tewolde leitete damals ein Regierungsprojekt zur Entwicklung einer Umweltpolitik, die schließlich im Jahr 1997 von der damaligen äthiopischen Regierung beschlossen wurde. Auf seinen zahlreichen Reisen durch ganz Äthiopien sammelte Tewolde genauestes Wissen über den Zustand der ländlichen Regionen und die Verhältnisse der Kleinbauern. Deshalb war es nur konsequent, als er von der Regierung schließlich zum Generaldirektor der staatlichen Umweltschutzagentur ernannt wurde, um die Umweltpolitik umzusetzen. Sue, die zeitlebens von ihren Kindheitserfahrungen in der Landwirtschaft profitierte, übernahm in dieser Zeit die Leitung des ISD, um sich ebenfalls weiterhin für den Umweltschutz und die Kleinbauern des Landes zu engagieren. Eine Arbeit, die nicht immer leicht war, da die Kleinbauern während der Feudalherrschaft großflächig enteignet wurden und seither den urbanen Eliten skeptisch gegenüberstehen.

Heute wissen die Kleinbauern, dass sie sich selbstbewusst organisieren können, um mit Hilfe von engagierten Menschen wie Sue und Tewolde ihre Lebensgrundlage, zum Beispiel durch ökologische Landwirtschaft, nachhaltig zu verbessern. Sue und Tewolde haben auch auf persönlicher Ebene Bemerkenswertes erreicht. Gemeinsam haben sie 46 Kindern eine Ausbildung ermöglicht und selbst immer sehr bescheiden gelebt. Während Sue noch arbeitet, ist Tewolde inzwischen wohlverdient pensioniert. Er hat für drei Regierungen gearbeitet und durch sein Engagement gezeigt, dass Veränderung unabhängig von politischer Zugehörigkeit möglich ist. Seine große Leidenschaft für Mensch und Natur lässt ihn selbst im Ruhestand nicht los.

Im Jahr 2000 erhielt Tewolde den Alternativen Nobelpreis für seine beispielhafte Arbeit zum Schutz der Artenvielfalt und der Rechte von Farmern und Gemeinschaften auf ihre genetischen Ressourcen.